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Der 50 km ├ťberlandflug mit der Ka8 D-2321

 
 

 

Der 50 Kilometer-Flug



Hat der Flugschüler und Jungadler alle Prüfungen, seien sie theoretischer oder praktischer Natur, erfolgreich abgeschlossen, so fehlt zum Erhalt des heißbegehrten Papiers mit dem rosa Querbalken (dem Flugschein nämlich) nur noch eine klitzekleine Winzigkeit: Der 50 Kilometer Überlandflug, durch den der Flugschüler zeigen soll, dass er sein Gerät bzw sein Flugzeug auch ausserhalb der Platzrunde beherrscht.

Nun, schon oft bin ich mit meiner Ka8 (natürlich NUR mit Flugauftrag...) in der weiteren Umgebung meines Flugplatzes unterwegs gewesen, sei es die Autobahnbrücke der A81 oder auch der Kniebis, sogar die Hornisgrinde mit dem darauf befindlichen Sender wurden schon besucht. Alles sehr schöne Flüge und allesamt weit jenseits der 50 Kilometer-Barriere, an einem einigermaßen guten Tag auch in deutlich weniger als einer Stunde zu bewältigen.

 

 

Der erste Versuch



Eines schönen Tages also sollte es auch für mich soweit sein, die Strecke Haiterbach-Nagold nach Winzeln-Schramberg und wieder zurück sollte es sein. Kein Problem, schließlich war schon bei der Überlandeinweisung diese Strecke geflogen worden. Flugs war die Ka8 durchgecheckt, der Barograph gerußt und die üblichen Navigationsberechnungen angestellt. Wäre nur dieser Wind nicht ...

Nun ja, die bereits Gestarteten waren schon weit oben unter den Wolken, und irgendwann war auch ich an der Reihe. Anschnallen, Barograph tickt, Karte steckt in der Seitentasche, Kamera ist geladen, das Startphoto gemacht, Seil straff, fertig und: Frei! In 500 Metern klinke ich aus, und mein Vario bleibt praktischer Weise gleich auf 3 m/s stehen: Aufwärts gehts! In 1000 Metern angekommen, ruft mich Martin aus der B4: "zwo-eins, komm, ich flieg mit. Lass uns mal weiterfliegen, woanders gibt's auch Thermik". Gefunkt, getan, raus aus dem Bart und losgeflogen Richtung Alpirsbach. Ups, irgendwie gehts hier zum einen nicht vorwärts (Gegenwind ...), und zum anderen nur noch runter. Schon sind die 1400 m auf magere 700 m geschrumpft. Jens, mit dem gleichen Ziel und der ASK-13 unterwegs, hat noch mehr Höhe und fliegt ca. 400 m über mir in einem Bärtchen. "Weiter westlich zwo-eins" kommt sein Funkspruch bei mir an, aber Nervosität und Kompass-Drehfehler sind zu groß; in 300 m Höhe habe ich meine Landewiese ausgemacht, ein paar Minuten später setze ich die Ka8 auf einem frisch geeggten Acker auf. Na spitze, doch 8 km weit gekommen. Ärgerlich laufe ich zum nahegelegenen Bauernhof und rufe meine Rückholmannschaft an - Handys waren damals noch die Ausnahme!

Jens ist auch außengelandet, allerdings in Winzeln, direkt neben dem Platz! Naja, der nächste Versuch wird was werden, trösten uns abends die Fluglehrer, als wir beim obligatorischen Außenlande-Bier vor der Halle sitzen ...

 


Hier klicken und es geht zur ICAO-Karte in Farbe

Karte der Region, die ich früher unsicher gemacht habe. Für die Vollansicht auf die Karte klicken (676KB)

 

 

Der zweite Versuch



Der zweite Versuch, zwei Tage später: Dieses Mal soll es nach nach Löchgau gehen. Wieder wurden die Barographen gerußt, und von neuem ging der Kampf mit der Natur los. Andi Essig will mit der ASW-20 die Eskorte bilden, ich erwische direkt einen hervorragenden Bart, der mich mit Vario am Anschlag gen Himmel trägt.

Kaum an der Basis angekommen, setze ich auch schon meine Meldung "Zwo-Eins fliegt ab", und los geht's Richtung Norden, immer an der B28 entlang. Doch auch hier trügte der Schein, und bevor der gute Andi auch nur den Hauch einer Chance hatte mich dorthin zu lotsen, saß ich auch schon wieder auf dem Boden - da halfen auch die gutgemeinten Kommentare von oben "Los Ingo, du kämpfsch jetzt!" nichts mehr.

Die Landung wenigstens konnte man getrost als sehr gelungen bezeichnen. Denn, was von oben nicht zu erkennen war, der gesamte Boden war nass und schlammig, noch dazu war das ganze Feld abschüssig. Aha, daher also die mangelnde Thermik, bei soviel Wasser geht einfach nichts mehr ...

Bilanz dieses Tages: 18 Kilometer weit gekommen, Althengstett kennengelernt, wieder einen Kasten Bier losgeworden. Nun, es folgten noch zwei weitere Versuche, der eine wurde rechtzeitig abgebrochen und ich konnte meinen Vogel wieder zuhause landen (welch seltenes Schauspiel ...), der andere führte mich auf wirren Umwegen bis 3 Kilometer vor das Ziel Donaueschingen, das ich im Landeanflug hinter dem Wald verschwinden sah ... Aber das soll eine weitere Anekdote werden, deswegen geht's hier jetzt endlich los mit

 

 

Der Erfolg!



 

Das gleiche Szenario, doch es sollte einiges anders werden...


Die Startmeldung, gehalten von Fluglehrer Hans Aminde

Das Original Startfoto mit Sportzeuge und Fluglehrer in Personalunion


Zunächst wurden wieder die nötigen Vorbereitungen getroffen, die Ka8 aufgerüstet und so weiter. Der inzwischen den Außenlandungen recht gelassen gegenüberstehende Flugschüler nahm in seinem Flugzeug platz, schnallte sich an, und sah mit Freude die großen weißen Wattebällchen am Himmel über ihm. Keine zwei Minuten später kreiste die Ka8 unter einer solchen und schraubte sich zu ihrem Energiespender empor. Der Fluglehrer samt Flugschülerin folgten in der ASK-21, um dem neuerlichen Versuch zum Erfolg zu verhelfen. Untermusbach, Schloss Berneck, Eutingen sollte die D-2321 "Blue Angel" heute hinter sich bringen - ein Witz eigentlich. Aber immerhin auch 50 Kilometer, und schließlich ist mir jedes Mittel recht, meinen Platzadler-Schein endlich loszuwerden!

 

Die Erzgrube von Westen betrachtet

Eine halbe Stunde nach dem Start: Die Erzgrube liegt schon weit hinter mir...


Die Thermik ist bombastisch heute, im Geradeausflug Richtung der ersten Wende erreiche ich ohne einen Kreis 2600 m. Untermusbach liegt rund 35 Minuten nach dem Start unter mir! Ich mache die Kamera startklar und fliege in den Fotosektor. So ein Quatsch, ich muß mit links steuern, und mit der rechten Hand nach rechts fotografieren, die Fläche runternehmen, den Luftraum beobachten und vor allem aufpassen, das ich nicht selber runterfalle! Beim dritten Anlauf klappt es, ich umrunde den Flugplatz nochmal und schieße ein Foto zur Sicherheit. *Klick*.

 

Flugplatz Freudenstadt-Untermusbach

Die erste Wende ist im Kasten...


Durch das Rumgeeiere haben mein Vogel und ich fast 800 m Höhe verloren, aber das ist heute wirklich kein Problem - es geht einfach überall. Ich hänge mich unter eine Wolke, die ASK-21 mit meinem Fluglehrer ist unter mir. Hans schickt einen Funkspruch:"Ingo, du steigst besser als wir". Logo, die Ka8 ist ein absolutes Thermik-Suchgerät und steigt auch bei kleinsten Aufwinden.

Ich bin fast an der Basis, mein Höhenmesser steht auf 3100 m, es wird Zeit, das Steiggebiet zu verlassen. Ich drücke die Ka8 in Richtung der nächsten Wende an, doch auf einmal umschließt mich Dunkelheit - die Wolke hat mich emporgesaugt, und durch die Wölbung an der Unterseite habe ich den richtigen Zeitpunkt zum Ausstieg verpasst! Ich ziehe die Klappen, um aus der Wolke herauszukommen, nur ist diese einfach nicht einsichtig und hält mich und mein Flugzeug in ihren faserigen Fängen. Ganz ruhig bleiben, denke ich laut, Aufrichten, so lange man den Horizont noch erkennen kann, und mit Höchstfahrt und voll gezogenen Klappen Richtung Nord-Ost, dort war eben noch ein Sonnenstrahl zu erkennen. Und tatsächlich, der Schleier lichtet sich, ein milchiges Weiß, das langsam zu einer strahlenden Sonne wird und mich in der wirklichen Welt willkommen heißt ...

Puh, nochmal gut gegangen. Bei fast 3500 m fliege ich eine 360°-Kurve und betrachte mir den grauen Koloss, der mir soviel Angst gemacht hat. Als wollte er mich warnen, in Zukunft die Natur nicht herauszufordern, schickt er mir noch einen kräftigen Regenschauer, den ich aber schnell hinter mir lasse. Da war doch noch was? Richtig, ich habe hier eine Aufgabe zu erledigen!

Die nächste Wende liegt schon nach wenigen Minuten vor mir, das Schloss Berneck. Die ASK-21 ist immer hinter mir, und des öfteren wird sich nach dem Wohlbefinden des Flugschülers erkundigt. Und wieder fliege ich in den Fotosektor, muß meine Hände koordinieren, um im richtigen Moment auf den Auslöser zu drücken. Ich werde zu langsam, und die Ka8 kippt mir über die rechte Fläche weg, also nochmal, und *klick*, das nächste Foto ist im Kasten!


Schloss Berneck (An alle Wissenden: pssssst, nicht verraten!)

Auch die zweite Wendeist geschafft


Weiter geht's, im gestreckten Galopp am Heimatflugplatz vorbei zur letzten Wende: Flugplatz Eutingen im Gäu. Ein Bärtchen nehme ich zwischendrin noch an, das mich wieder auf 2600 m bringt. Kaum 20 Minuten danach klickt es wieder im Cockpit der D-2321, und damit ist mein 50km-Flug beinahe geschafft. Nur nach Hause muß ich noch kommen! Hans und Heike gratulieren mir schonmal vorab über Funk aus der ASK-21, und ich sehe meinen Flugschein im Geiste schon vor mir.


Der Flugplatz Eutingen im Gäu

Jetzt nur noch zurück


Der Rest ist Routine, ich schaue auf meine Karte, aus der momentanen Höhe könnte ich glatt nochmal um das Dreieck fliegenund hätte Höhe übrig! Aber ich will heim, so ich treibe meine "Blue Angel" auf 150 km/h hoch. Kaum später bin ich zuhause in Haiterbach-Nagold. Vor lauter Freude fliege ich eine wunderschöne Fahrtkurve (naja, war wohl eher ein Turn ...) und bekomme daraufhin nicht einmal den erwarteten Anpfiff vom Fluglehrer, der keine 500 m hinter mir fliegt.


Endlich zuhause

Geschafft! Ein bißchen herumturnen ist erlaubt! Man beachte die Flächenspitze ...


Nun kann ich meine Höhe noch schön herunterturnen, was mein Barograph in Form von Zacken aufzeichnet. Die Landemeldung "zwo-eins zur Landung" wird gesendet und nach einer Stunde und dreiundfünfzig Minuten berühre ich den heimischen Boden.

Was jetzt folgt, sind die Formalitäten wie Landefoto und das Fixieren des Barographen-Blattes, denn unsere sind Marke uralt und versehen noch mit gerußtem Aluminiumblech ihren Dienst. Und auch heute werde ich eine Kiste Bier los, dieses Mal zahle ich sie gerne, und der Eintrag in meinem Flugbuch spricht für sich selbst:



 

29.07.1994 D-2321 Ka8 Flugzeugführer: I.Seibert Start: 11.25 Landung: 13.15 50Km-Flug !!ENDLICH!!




 

Das Sportzeugenfoto, wieder mit Fluglehrer Hans Aminde

 

Das Sportzeugenfoto (oben) sowie das Barogram (logischerweise unten)


Das Barogramm des erfolgreichen 50 km-Fluges

 

So sah mein Flug aus. Die gerade Linie am Anfang ist der erste Bart auf ca. 2000m, danach gings geradeaus bis Untermusbach, der ersten Spitze. Der nachfolgende Abfall ist das Wendepunktfoto, der Anstieg in der Mitte des Barogramms die Wolke, die mich ins schwitzen brachte - Die Linie verläuft nahezu senkrecht! Hier ist auch der höchste Punkt des Fluges mit 3500m erreicht! Abwärts gings bis zum zweiten Wendepunkt, weiter nach Eutingen mit zwei Zwischenbärtchen, und zurück nach Hause. Die Zacken am Ende haben ihren Grund in meinen Fahrtkürvchen...


Damit hatte ich meinen Flugschein komplett. Aber schon einen Tag vorher sollte meine größte Sucht angefangen haben: Ich durfte zum ersten Male die vereinseigene Glasflügel H205 "Club-Libelle" fliegen. Von diesem Tage an war ich für alle anderen Flugzeuge verloren... Aber dazu später.

 

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